|
Während es bei uns in Deutschland immer kälter wird und der Winter und die Weihnachtszeit immer näher rücken, geht in Peru in unserer Schule "Sol
Naciente" ein weiteres ereignisreiches und erfolgreiches Schuljahr zu Ende. Die peruanischen Sommerferien stehen vor der Tür und es
ist an der Zeit, einen kurzen Rück- und Überblick über das vergangenen Jahres zu verschicken.
Wie auch während der letzten Jahre, war das Schuljahr 2006 eine große Herausforderung für unsere
Schulgemeinde "Sol Naciente". Sowohl die Schule, als auch das Armenviertel Pachacútec haben sich während des letzten Jahres verändert und rasant weiterentwickelt. Die Zeit steht nirgends still, aber
in der Randsiedlung Pachacútec (nach dem Flughafen, zwischen Ventanilla und Ancón) scheint die tägliche Veränderung, hin auf eine weitere Vorstadt im Norden Limas, extrem schnell stattzufinden.
Pachacútec hat sich während des letzten Jahres enorm vergrößert und entwickelt. Wo bis vor einigen Monaten noch unbewohnte Dünen und Hügel existierten, hat die Regierung über Nacht neue Baracken aus dem Boden
gestampft, um die täglich neu eintreffende Bevölkerung, die ursprünglich vom Land kam, aber Zwischenstation bei städtischen Verwandten machte, im Stadtrand unter den Armen anzusiedeln. Anfangs beschränkte sich
der gelegentlich illegale Einmarsch („Invasion“) auf ein Gebiet oberhalb des Pazifischen Ozeans. Heute haben sich die Hütten und einfachen Häuser bis hinunter zum Meer ausgebreitet, das damit seine Sauberkeit
verloren hat. Es besteht kein Zweifel, Pachacútec ist enorm gewachsen!
Manuelas erste Schule entstand vor 23 Jahren. Als unsere Schule vor 8 Jahren gebaut wurde, bestand Pachacútec aus einer kleinen Gruppe
von ca. 100 Familien. Noch vor 3 Jahren wohnten in der Randsiedlung lediglich 100.000 Familien. Diese Zahl hat sich bis heute mindestens vervierfacht und sie wird auch in den kommenden Jahren weiter in die Höhe
schießen.
Pachacútec besteht aus einfachen Hütten, welche die Menschen aus dem ihnen zugänglichen oder erschwinglichen Material selbst bauen. An der Bauweise und dem Material der Hütten kann man
erkennen, wie lang die Familien schon in der Randsiedlung leben. Mit der Zeit werden die anfänglichen Bastmatten und Plastikfolien durch stabilere Materialien, wir z.B. Holz und zum Teil sogar einfache Mauern
ersetzt („material noble“).
Pachacútec ist nach wie vor ein "pueblo joven" eine "junge" Stadt, ein Provisorium. Die meisten Wege sind immer noch einfache Schotter- und Sandpisten und
es gibt nur vereinzelte geteerte Strassen. Auch die Wasserversorgung ist nach wie vor schwierig. Die Siedler sind auch heute noch darauf angewiesen, ihr Wasser für den alltäglichen Gebrauch von einem Tankwagen
für einen sehr hohen Preis zu kaufen. Es kursiert jedoch das Gerücht, dass die Regierung plant, Wasserleitungen in Pachacútec zu verlegen. Das würde auch das Problem der nicht existierenden Kanalisation
teilweise lösen. Auch die Stromversorgung hat sich in den letzten Jahren verbessert. Es gibt sogar in einigen Teilen der Siedlung vereinzelte Straßenlaternen, so vor unserer Schule.
Pachacútec wird von Tag
zu Tag größer, und mit der ständig anwachsenden Zahl von Einwohnern steigt auch die Kriminalität in der Randsiedlung. Leider wurde auch unsere Schule von dieser neuen Entwicklung nicht verschont. Während des
letzten Schuljahres wurde in "Sol Naciente" mehr als zwei Mal eingebrochen. Die Diebe suchten die neu installierten Kabel, deren Wert an sich nicht sehr hoch ist, aber da nun fast alle Siedler Zugang zu
Elektrizität haben, einen hohen praktischen Wert besitzen.
Die Schulgemeinde überlegt derzeit, wie man die Schule besser gegen zukünftige Einbrüche zu schützen könnte. Da es zu teuer wäre, die Schule
komplett abzusichern, in dem man z.B. eine Umfassungsmauer baut oder die Holzpalisaden verstärkt, wird diskutiert, ob man stattdessen nicht besser einen einzelnen sicheren Raum mit richtigen Mauern bauen könnte,
in dem die "wertvolleren" Dinge, wie z.B. der Sicherungskasten, der PC und die Bücher der Schule über Nacht gelagert werden könnten.
Des Weiteren stehen folgende Veränderungen und Erneuerungen in der Schule "Sol Naciente" an:
Toiletten Ein wichtiges, bzw. das wichtigste Projekt für das kommende Schuljahr ist die
Erneuerung der Toiletten. Die vor 8 Jahren gegrabenen Gruben füllen sich stetig und es ist an der Zeit, eine neue Lösung zu finden.
Palisaden/Schulzaun Außerdem müssen einige Palisaden im
Schulzaun erneuert werden, da die Meeresbrise, der Sand und der Wind das Holz enorm abnützen und damit die Schwachstellen Einbrecher ermutigen, in die Schule einzudringen.
Erweiterung Pausenhof Ein
weiters Projekt ist die Erweiterung des Pausenhofs. Das Nachbargrundstück einer ehemaligen Lehrerin soll zu einem Freundschaftspreis aufgekauft und in die Schule integriert werden. Es bestünde vielleicht die
Möglichkeit, auch die Gruben für die neuen Toiletten auf diesem angrenzenden Grundstück auszugraben. Oder hier den Schulgarten („biohuerto“) anzulegen, der in den nächsten beiden Jahren eines der Schulziele
ist.
Schulspeisung Wir hoffen, dass die Landesstiftung Baden-Württemberg über die SEZ =Stiftung Entwicklungszusammenarbeit für die Schulspeisung uns und unserer Zwillingsschule El Sembrador
montlich je 250 Euro, d.h. 10 Euro pro Tag und Schule spenden wird. Das bedeutet dass die Buchhaltung auch das Schulgeld umfassen muss, das theoretisch 1 Sol pro 1 Tag pro 1 Kind beträgt, aber oft nicht eintreibbar
ist.
Polo, der Direktor der Schule, ist im Moment dabei, die Buchhaltung von "Sol Naciente" per Excel übersichtlicher zu gestalten. Roberto, ein großer Freund der Schule, weist ihn derzeit in die
Arbeit mit Excel ein. Wir hoffen, dass die Abrechnungen so übersichtlicher und für uns leichter nachvollziehbar werden! Peru ist nicht Deutschland, und es ist für die Peruaner demnach nicht immer verständlich,
warum wir Deutschen so darauf pochen, eine genaue Abrechnung und Darlegung der Ausgaben zu bekommen. Wir hoffen, dass sich dies mit Hilfe der übersichtlichen Exceltabelle verbessern wird.
Polo, Manuelas
Bruder und "Nachfolger" ist eine sehr wichtige Figur in der Schulgemeinschaft, und ohne ihn wäre die Organisation und Verwaltung der Schule "Sol Naciente" nahezu unmöglich! Er steht um 5 Uhr
spätestens auf, fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwei Stunden, und ist jeden Morgen der erste in der Schule, um gegen 7 Uhr die Türen aufzuschließen. Und der letzte, der abends die Schule verlässt, um
zurück nach Lince/Lima zu fahren. Aber vor allem ist er ein Veteran, den wir gut kennen und dem wir mit einiger Unterstützung des Diplom-Physikers Roberto, der mit einer Kölnerin verheiratet ist und
Entwicklungspolitik in Deutschland studiert hat, das Regeln der Finanzen anvertrauen können.
Des Weiteren gibt es zu berichten, dass wir im August zwei unserer Lehrerinnen für ein dreiwöchiges Praktikum
nach Brasilien schicken konnten. Die Erzieherinnen Naldi (diplomiert an La Cantuta) und Karina hatten die Möglichkeit, die für ihre Effizienz und ihren Erfolg weltweit bekannte Favela "Monte Azul", ein
Armenviertel in Sāo Paulo, kennen zu lernen und vor Ort in einem Waldorfkindergarten zu hospitieren. Die beiden Lehrerinnen haben die eindrucksreiche Zeit in Brasilien damit verbracht, unter der persönlichen und
umso mehr dankenswerten Anleitung von Ute Craemer neue Eindrucke und Ideen zu sammeln, um diese im nächsten Schuljahr in unserer Schule einzubringen und zu etablieren.
Pachacútec wächst jeden Tag, aber es
gibt mittlerweile viele Schulen im Armenviertel und unsere Existenz rechtfertigt sich nur, wenn wir ein besonderes Konzept anbieten und uns bewusst von den übrigen Schulen unterscheiden. Im Gegensatz zu den
Regelschulen versucht die Schule "Sol Naciente " einen anderen und für Peru neuen pädagogischen Weg zu gehen. Dieser Weg basiert zum Teil auf dem Konzept der Waldorfschule und von anderen
reformpädagogischen Richtungen (wir bewundern Paulo Freire, Freinet und Encinas). Mahatma Gandhi forderte: „Schule für das (Über-)Leben und durch das Leben selbst“. Den Unterscheid zwischen Ideal und
Anwendung gilt es zu überbrücken. Im Allgemeinen versucht unsere Schule die Kinder als wirkliche Personen wahrzunehmen und ihnen so viel Wissen und Lebenspraktisches mit auf den Weg zu geben, wie es nur möglich
ist.
Nach wie vor haben wir sehr kleine Klassen. Im Gegensatz zu anderen Schulen kann der Unterricht in "Sol Naciente" auf einer persönlicheren Ebene stattfinden und ist somit kindgerechter als die
sonst üblichen Klassen mit bis zu 50 Kindern pro Lehrperson. Leider werden wir gar nicht vom Staat unterstützt, sondern wir unterstützen den Staat. Und so müssen wir nach wie vor ein Schulgeld von 30 Soles (ca.
8 €/Kind) pro Monat verlangen. Viele Familien können sich diesen Betrag nicht leisten und sind auf ein Teil-Stipendium angewiesen. Ein Grossteil der aus Deutschland kommenden Spenden wird eingesetzt, um Teile der
Lehrergehälter zu bezahlen.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen im Namen der Schule "Sol Naciente" für ihre Hilfe und ihr Engagement!
Konrad Borst und Jora Steidl
|