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Brief an Epifanias 2003 aus dem verschneiten Reutlingen
Zwei Jahre lang habe ich versucht, in unserer Schule die Essgewohnheiten zu ändern und etwas Vollwertiges auf den Tisch zu stellen. Zugrunde liegt die
unbestreitbare Tatsache, dass die Kinder in der Randsiedlung unterernährt sind und auch deshalb von vornherein im späteren Wettbewerb des Arbeitslebens schwer mithalten können.
Daher galt unsere Aufmerksamkeit im Sinne der ganzheitlichen Verbesserung der Marginalisierten eben auch der Schulspeisung. Die im Urwald geborene Köchin
Daly wurde eingestellt. Sie zaubert täglich einen abwechslungs- reichen Speiseplan auf den Tisch. Mit den muskelkräftigsten unserer Erzieherinnen sowie Polo, meinem Bruder und unserem Fahrer, fahren wir wöchentlich zum Großmarkt, wo aus dem
Hinterland die schönsten Früchte und naturbelassenen Gemüse angeboten werden.
Unsere Schülereltern aber bieten ihren Kindern hartnäckig das Menü, das schon ihre Eltern ihnen geboten haben:
Erstens Nudeln, zweitens Weissbrot, drittens geschälten Reis, viertens Inca-Cola oder einen Zitronenkrauttee (=hierba luisa), fünftens Bananen. Es fehlen völlig Gemüse und Obst und damit die
Vitamine Und da wir an der Küste wohnen, sollte der Fisch nicht fehlen. Manchmal gibt es Huhn (pollo).
So scheint es, daß zwei Jahre nicht genug waren, um die Ernährungsgewohnheiten zu verbessern. Simón Bolivar blickte einmal zurück auf sein Werk und
bekannte: „Ich habe das Meer gepflügt“. Dass aber ausgewogenes Essen bei Kindern das Gehirn erst lernfähig macht, bezweifelt niemand. Wir werden also weiterhin kochend ein praktisches, durch Wohlgeschmack
verführendes Beispiel geben, bis eines Tages Gemüse und Obst auch zum Speiseplan der Elternhütten gehören. Ich sympathisiere mit der vegetarischen Ernährung nach Dr. Carlos Casanova, setze sie aber hier nicht
durch, denn es geht vorerst um eine naturbelassene Speise-Grundlage für arme und schlecht informierte Randsiedler überhaupt... mit Ihrer dankbar angenommenen Hilfe...
Ebenso möchte ich all jenen danken, die uns während meines Aufenthaltes in Reutlingen finanzielle Unterstützung haben zukommen lassen.
Jeder Beitrag - jedes Scherflein - zählt.
So fahre ich hoffnungsfroh und positiv gestimmt wieder zurück nach Peru, wenn auch jedes Mal ein bisschen ängstlich vor dem, was mich erwartet. Jetzt
beginnen die “Hitzeferien” mit der jedem Kind offenen „Ferienschule“, die als Kontrastprogramm musische Aspekte betont.
Etwa am 15. März (Winteranfang) öffnet unsere staatlich anerkannte Schule wieder die Pforten.
Bis dahin ist viel zu tun. Diese vier Aufgaben stehen vor uns:
- Erneuerung der Schulspeisung,
- Weiterbildung der Erzieherinnen während der Großen bzw. Hitze-Ferien
- Ausgestaltung der Ferienschule (Vacaciones Útiles).
Manuela Castañeda de Borst
P.S.
Romane wie „Hundert Jahre Einsamkeit“, die Lateinamerika eine eigene Identität stiften, möchte ich langfristig wieder zum Gesprächsthema
machen. Ein ehrgeiziges Ziel, denn, im Gegensatz zu dem Jahrzehnt meiner Einwanderung 1960, die peruanische Jugend liest nicht mehr- und das, obwohl mit unseren Vargas Llosa, Ciro Alegría, Vallejos, und
Argüedas die lateinamerikanische Literatur Weltrang hat. Den Don Quijote, Grundgestalt des Spanischsprechenden, kennen sie überhaupt nicht, obwohl der tiefsinnige Roman über einen Schizofrenen leicht zu lesen
ist. Wenn die heutigen jungen Leute in den reichen Ländern nur mehr Bildzeitung und Sexpostillen lesen, ist das ihr Problem, aber in einem Entwicklungsland ist solche Sittenaufweichung schwerwiegender als z.B.
im Abendland selbst. Fallen wir doch nicht unter das Niveau der Sechzigerjahre zurück, als es nur 12 Millionen Peruaner gab, denn heute gibt es 30 Millionen, die sich das gleiche Land und seine
wenigenArbeitsstellen aufteilen müssen, und eine solche kulturelle Kompetenz könnte alle anderen Mängel ausgleichen
Konrad und Manuela
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